Bevor ich weiß, wie eine Figur aussieht, weiß ich oft schon, wie sie riecht. Das klingt seltsam, ich weiß. Aber für mich ist der Geruch der schnellste Weg zu einem Menschen, den es noch gar nicht gibt.
Augenfarbe, Größe, Kleidung, das kommt alles später. Der Duft kommt zuerst. Denn ein Geruch lügt nicht. Man kann ihn schwer kontrollieren, er verrät Herkunft, Gewohnheiten und kleine Geheimnisse. Genau deshalb ist er für eine Krimiautorin so wertvoll.
Was Gerüche über Menschen erzählen
Wir nehmen Gerüche wahr, lange bevor wir sie bewusst benennen. Sie gehen direkt ins Gedächtnis, ins Gefühl, an jeder Vernunft vorbei. Wenn ich einer Leserin sage, ein Raum riecht nach kaltem Rauch und altem Papier, muss ich nicht erklären, wer dort lebt. Sie weiß es schon.
Genau das liebe ich am Schreiben mit Düften. Ich muss eine Figur nicht beschreiben. Ich muss sie nur riechen lassen.
Ein Geruch lügt nicht. Genau deshalb ist er für eine Krimiautorin so wertvoll.
Helena, oder Kaffee und Zitronenkuchen
Für mich riecht Helena nach Kaffee und Zitronenkuchen. Nach dem ersten, noch zu heißen Schluck am Morgen und nach etwas Süßem, das jemand gebacken hat, der sich Mühe gibt, ohne es zuzugeben. Bitter und zart zugleich, wach und ein wenig wehmütig.
Es passt zu ihr. Nach außen wirkt Helena kühl und kontrolliert, doch unter dieser Oberfläche steckt mehr Wärme, als sie je zugeben würde. Der Kaffee ist die Fassade, der Zitronenkuchen das, was darunter liegt. Genau dieser Widerspruch macht sie für mich lebendig.

Cameron, oder Leinöl und Salzwasser
Cameron ist das Gegenteil und riecht auch so. Nach Leinöl und Salzwasser. Nach einem Mann, der mit den Händen arbeitet, der Holz pflegt und Boote. Ein rauer, ehrlicher Geruch.
Wer Leinöl kennt, weiß: Es braucht seine Zeit, bis es einzieht, und dann hält es. Ungefähr so ist auch Cameron. Und ob er will oder nicht, hängt zwischen all dem immer ein wenig Bourbon in der Luft, sein orangefarbener Kater, dieser kleine Sturkopf, der ihm überallhin folgt. Ein Geruch, der zunächst rau wirkt und in Wahrheit warm ist. Ziemlich genau wie Cameron selbst.

Ein kleines Werkzeug mit großer Wirkung
Inzwischen gebe ich jeder wichtigen Figur einen Duft, bevor ich die erste Szene mit ihr schreibe. Étienne zum Beispiel riecht nach Sonnencreme und teurem Aftershave, und schon ahnt man, wem man hier besser nicht traut. Mehr muss ich über ihn fast nicht sagen.
Diese Düfte sind nicht für die Leser, sondern für mich. Eine Art Steckbrief, den niemand außer mir je zu sehen bekommt. Aber sobald eine Figur einen Duft hat, kann ich sie schreiben. Sie bleibt sich treu, in jeder Szene, auch wenn ich monatelang nicht an ihr gearbeitet habe.
Und manchmal, in den entscheidenden Momenten, lasse ich einen Geruch wiederkehren. Dann muss ich gar nicht schreiben, dass eine Figur sich erinnert oder fürchtet. Der Duft tut es für mich.
Vielleicht achtest du beim nächsten Kapitel einmal darauf. Auf das, was zwischen den Zeilen in der Luft liegt. Es ist erstaunlich, wie viel ein Mensch über sich verrät, wenn man ihn nur lässt. Und falls dir eine Szene einmal seltsam nahekommt, obwohl scheinbar gar nichts geschieht: Vielleicht liegt es einfach am Duft.
