Helena hat bei mir eine ganze Weile nicht richtig funktioniert. Ich wusste eigentlich schon ziemlich viel über sie: ihr Alter, ihren Beruf, ihre Familie. Trotzdem hatte ich beim Schreiben oft das Gefühl, sie nur von außen zu kennen. Irgendwann saß ich morgens in einer Bäckerei, hatte Kaffee vor mir und irgendwo roch es nach Zitronenkuchen. Und aus irgendeinem Grund dachte ich sofort an Helena. Seitdem gehören diese beiden Gerüche für mich zu ihr.
Das mache ich inzwischen tatsächlich bei vielen Figuren. Ich überlege nicht unbedingt zuerst, welche Augenfarbe sie haben oder was sie tragen. Viel wichtiger ist für mich oft, womit ich ihren Geruch verbinde.
Was Gerüche über Menschen erzählen
Wir nehmen Gerüche wahr, bevor wir sie benennen können. Sie gehen an der Vernunft vorbei und landen sofort im Gefühl. Wenn ich schreibe, dass ein Raum nach kaltem Rauch und altem Papier riecht, muss ich über den Bewohner kein weiteres Wort verlieren. Die Leserin weiß es schon.
Helena, oder Kaffee und Zitronenkuchen
Der erste, noch zu heiße Schluck am Morgen. Daneben etwas Süßes, das jemand gebacken hat, der sich Mühe gibt und es nie zugeben würde. Bitter und zart, wach und ein wenig wehmütig.
Das passt zu ihr. Nach außen ist Helena kühl und kontrolliert, darunter steckt mehr Wärme, als sie je einräumen wird.

Cameron, oder Leinöl und Salzwasser
Cameron ist das Gegenteil und riecht auch so. Nach Leinöl und Salzwasser. Nach einem Mann, der mit den Händen arbeitet und Boote pflegt.
Dazwischen hängt ein wenig Bourbon in der Luft. Nicht der Whiskey. Sein orangefarbener Kater heißt so, ein Sturkopf, der ihm überallhin folgt. Cameron behauptet, das Tier sei ihm zugelaufen.

Wenn es nicht funktioniert
Manchmal passt so ein Geruch auch überhaupt nicht. Bei einer Nebenfigur hatte ich lange Lavendel im Kopf, einfach weil ich fand, dass es schön zu ihr passen könnte. Beim Schreiben hat mir das aber nichts gebracht. Die Figur blieb trotzdem irgendwie blass.
Erst später habe ich den Lavendel gestrichen und ihr stattdessen einen anderen Geruch gegeben.
Solche Details sind für mich deshalb eine Art Orientierung. Wenn ich nach längerer Zeit wieder zu einer Figur zurückkehre, helfen sie mir, sofort wieder ein Gefühl für sie zu bekommen.
