Manche Orte lässt man hinter sich. Denkt man zumindest. Neue Stadt, ein neuer Schlüsselbund in der Tasche, das alte Leben ordentlich verpackt und weggeräumt.
Und dann stehst du irgendwo, riechst etwas – einen Kuchenduft oder vielleicht war es nur das Waschmittel von damals – und hörst zwei Sätze in einer Sprache, die einmal deine war. Und bist wieder mittendrin, bevor du überhaupt entscheiden kannst, ob du das willst.
Ankommen? Eher nicht.
Heimkehren fühlt sich selten an wie Ankommen. Eher wie eine Konfrontation, für die man sich nie angemeldet hat. Mit den Leuten, die noch da sind und sich oft weniger verändert haben als man selbst. Und dann ist da noch all das, was damals keiner ausgesprochen hat und was trotzdem im Raum steht, als wäre seither keine Zeit vergangen.
Orte sind gut darin, Dinge aufzubewahren. Vor allem die, die wir nie geklärt haben. Ein Schweigen, eine Frage, die niemand stellen wollte. Man nimmt das mit, wenn man geht, und legt es beim Zurückkommen wortlos wieder ab. Als hätte man es die ganze Zeit nur geliehen.
Frauen, die zurückmüssen
Meine Heldinnen stehen oft genau hier. Sie kommen nicht zurück, weil sie wollen, sondern weil ihnen etwas keine Wahl lässt. Eine Beerdigung, meistens. Manchmal auch nur ein Anruf, den man nicht weglegen kann, ohne sich mies zu fühlen.
Helena Mureau, um die es in Mord in Rochefort geht, ist so eine. Sie fährt zurück an die französische Atlantikküste, aufs Weingut ihrer Familie – an den einen Ort, den sie vor zehn Jahren hinter sich gelassen hat und nie wieder betreten wollte. Eigentlich will Helena dort nur das Nötigste erledigen. Das Problem ist, dass ihr ziemlich schnell Dinge auffallen, die nicht zu dem passen, was man ihr damals erzählt hat. Und Helena war noch nie besonders gut darin, eine Frage in Ruhe zu lassen, sobald sie einmal da ist.
Mein Sommerland
Vielleicht schreibe ich so gern über Heimkehr, weil ich selbst so einen Ort habe. Frankreich war, als ich klein war, mein Sommerland – jeden Sommer ein Monat zweites Leben. Ich liebe das Meer und diese Sprache, in der ich irgendwann sogar geträumt habe. Ich erinnere mich an den knarrenden Küchentisch bei meiner Großtante, an ein Radio, das immer eine Spur zu laut lief, an den Geruch von warmen Melonen im Schatten. Solche Dinge verliert man nicht mehr richtig. Sie werden mit den Jahren zu der inneren Landschaft, aus der dann die Geschichten kommen, ob man will oder nicht.
Und ehrlich gesagt: Ich habe selbst lange einen Bogen um bestimmte Orte gemacht. Es gibt Adressen, an denen ich jahrelang nicht vorbeigefahren bin, obwohl es der kürzere Weg gewesen wäre. Ich habe mir eingeredet, ich hätte einfach keine Zeit. Irgendwann fällt einem allerdings auf, wenn man seit Jahren dieselben drei Minuten Umweg fährt. Vielleicht müssen meine Heldinnen deshalb so oft zurück. Ich schicke sie an Orte, an denen ich selbst wahrscheinlich noch ein paarmal vorbeifahren würde.
Vielleicht interessiert mich deshalb weniger die Rückkehr selbst als das, was danach passiert. Wenn eine Figur merkt, dass sie heute Fragen stellen kann, die sie damals nicht gestellt hat. Oder dass eine Antwort, vor der sie jahrelang davongelaufen ist, inzwischen gar nicht mehr dieselbe Macht über sie hat.