Ich bin jahrelang einen Umweg gefahren, um nicht an einer bestimmten Straße vorbei zu müssen. Das tat ich ungefähr zweimal pro Woche und habe mir eingeredet, die andere Route sei angenehmer, weil sie weniger Ampeln und eine bessere Aussicht hatte. Dass das alles nur eine Ausrede war, die ich mir selbst auftische, wurde mir erst viel später bewusst.
Manche Orte lässt man hinter sich – denkt man zumindest. Man zieht in eine neue Stadt, hat einen neuen Schlüssel in der Tasche und das alte Leben ist ordentlich verpackt und weggeräumt. Und dann stehst du irgendwo, riechst etwas – bei mir war es ein Waschmittel – das du seit fünfzehn Jahren nicht mehr gerochen hast und bist wieder mittendrin.
Ankommen? Eher nicht.
Heimkehren fühlt sich selten wie Ankommen an. Oft begegnen einem dieselben Leute und die haben sich oft weniger verändert als man selbst. Und was damals niemand ausgesprochen hat, steht oft immer noch im Raum.
Orte sind gut darin, Dinge aufzubewahren. Vor allem die ungeklärten.
Frauen, die zurückmüssen
Meine Protagonisten kommen fast immer an diesem Punkt. Sie kehren nicht zurück, weil sie es wollen, sondern weil ihnen etwas keine Wahl lässt. Das kann zum Beispiel eine Beerdigung oder ein Geburtstag sein. Manchmal reicht auch nur ein Anruf, den man nicht ablehnen kann, ohne sich mies zu fühlen.
Helena Mureau aus Mord in Rochefort ist so eine. Sie fährt zum sechzigsten Geburtstag ihres Vaters an die französische Atlantikküste, auf das Weingut der Familie, an den Ort also, den sie zehn Jahre lang gemieden hat. Ihr Plan besteht darin, die Woche zu überstehen und dann wieder nach New York zurück zu kehren. Doch dann fallen ihr Dinge auf, die nicht zu dem passen, was man ihr damals erzählt hat. Und Helena war noch nie gut darin, eine Frage ruhen zu lassen, wenn sie einmal aufgetaucht ist.
Mein Sommerland
Ich habe selbst so einen Ort. Frankreich war mein Sommerland, jedes Jahr ein Monat zweites Leben, in einem Hafenort südlich von Narbonne, in das ich regelmässig zurückkehrte. Ich erinnere mich an den knarzenden Küchentisch bei meiner Großmutter. Das Radio lief immer zu laut, sie sang Chansons mit und im Schatten der Bäume im Garten hinter dem Haus lagen Melonen. Sie rochen süß und warm, was mich immer in diese Sommer zurückbringt. Das ist in meiner Erinnerung seltsamerweise stärker geblieben, als viele unserer Gespräche am Küchentisch. Solche Dinge verliert man nicht. Sie werden zu der inneren Landschaft, aus der später die Geschichten kommen.
Mich interessiert an der Rückkehr weniger die Ankunft als das, was danach passiert. Der Moment, in dem eine Figur (oder man selbst) merkt, dass sie heute Fragen stellen kann, die damals undenkbar waren. Oder dass eine Antwort, vor der man sich jahrelang gescheut hat, heute ihre Macht verloren hat.