Journal

Leuchtturm Phare des Baleines auf Île de Ré
Schauplätze

Die echten Orte hinter dem Roman

Von Sarah Weidmann · 5 Min. Lesezeit

Manche Orte muss man erfinden. Andere muss man nur besuchen und die Geschichten dort schreiben sich von selbst. Die Île de Ré gehört zur zweiten Sorte.

Nur ein Stück die Küste hinauf von Rochefort, jenseits einer langen, geschwungenen Brücke, liegt diese flache, helle Insel im Atlantik. Wer Helena Mureau durch ihre Fälle begleitet, ahnt längst, dass die Landschaft hier mehr ist als Kulisse.

Über die Brücke ins Licht

Schon die Überfahrt verändert etwas. Die Brücke schwingt sich fast drei Kilometer weit über das Wasser. Die Häuser sind weiß gekalkt und an den Mauern wachsen Stockrosen.

Wo das Salz geerntet wird

Im Inneren der Insel liegen die Salzgärten, ein stilles Schachbrett aus flachen Becken, in denen sich der Himmel spiegelt. Hier ernten die Sauniers seit Jahrhunderten das Salz, von Hand, mit langen Holzwerkzeugen, am liebsten am späten Nachmittag, wenn sich die feine Kristallschicht an der Oberfläche bildet. Diese zarteste Blüte nennt man fleur de sel.

Salzgärten auf der Île de Ré
Die Salzgärten der Île de Ré, ein stilles Schachbrett aus flachen Becken.

Es hat etwas Meditatives, diesen Menschen zuzusehen. Und etwas zutiefst Französisches. Aus reglosem Wasser, aus Geduld und dem richtigen Augenblick entsteht das Kostbarste. Wer einmal darüber nachgedacht hat, vergisst beim Schreiben nie wieder, wie viel unter einer ruhigen Oberfläche liegen kann.

Eine Insel, die aussieht, als hätte sie nie etwas zu verbergen. Das Verdächtigste, was es gibt.

Die Esel in Hosen und andere Wahrheiten

Die Île de Ré hat einen Hang zu schönen, leicht skurrilen Wahrheiten. Eine davon sind die ânes en culotte, die Esel in Hosen. Früher trugen die Tiere, die in den sumpfigen Salzgärten arbeiteten, tatsächlich gestreifte Beinkleider, die sie vor Mücken und scharfem Gras schützen sollten. Heute begegnet man ihnen vor allem als Erinnerung an diese Zeit, und doch erzählen sie etwas Wahres über die Insel. Hinter der Postkarte steckt immer Arbeit, Geschichte, ein hartes, salziges Leben.

Esel in gestreiften Hosen auf der Île de Ré
Die berühmten ânes en culotte, die Esel in Hosen der Île de Ré.

In Saint-Martin-de-Ré sieht man es noch deutlicher. Der kleine Hafen, die Festungsmauern, die einst Vauban für den König errichten ließ, die Häuser, die sich um das Wasser drängen. Schönheit und Wehrhaftigkeit dicht beieinander. Schöne Fassaden, dunkle Geschichten. Mir muss man so etwas nicht zweimal zeigen.