Journal

Weinberge in der Charente
Wein & Küche

Die Weinwelt der Charente

Von Sarah Weidmann · 11. Juni 2026 · 6 Min. Lesezeit

Ich habe beruflich viel mit Wein zu tun gehabt und dachte eigentlich, ich wüsste ungefähr, wie solche Weinregionen funktionieren.Dann stand ich in einem Keller in der Charente und ein Mann von vielleicht siebzig Jahren erklärte mir, welches Fass schon sein Grossvater gefüllt hatte.Solche Momente sind mir dort öfter begegnet. Wein ist in der Region selten nur ein Produkt. Häufig hängt eine ganze Familiengeschichte daran, manchmal über mehrere Generationen hinweg.

Das ist der Unterschied hier. Wein ist oft eine Passion einer Familie, die über mehrere genreationen besteht. Genau deshalb eignet er sich so gut für einen Kriminalroman.

Reben zwischen Atlantik und Kalkboden

Wenn man über den Wein der Charente spricht, kommt man am Atlantik kaum vorbei. Er liegt nicht weit entfernt, und seinen Einfluss merkt man auch weiter im Landesinneren. Die Luft ist feuchter, die Sommer sind etwas ausgeglichener, die Nächte oft kühler.Ob man diesen Einfluss später wirklich im Glas schmeckt, darüber können andere vermutlich besser urteilen als ich.

Typisch für die Gegend sind auch die hellen Kalkböden. Sie können Wasser speichern und geben es in trockeneren Phasen wieder an die Reben ab.Eine der traditionellen Sorten der Region ist Colombard, eine alte Sorte der Region. Dazu kommt vor allem Ugni Blanc, die für die Cognac-Produktion eine zentrale Rolle spielt.Und das fand ich beim ersten Mal tatsächlich überraschend: Cognac beginnt mit einem eher säurebetonten, leichten Weisswein, den vermutlich kaum jemand wegen des Weins selbst anbauen würde.

Weinreben in der Charente
Weinreben in der Charente, vom Atlantikwind gestreift und auf hellem Kalkboden gewachsen.

Pineau des Charentes, der süsse Zufall

Eine Spezialität, die man in der Region fast überall findet, ist Pineau des Charentes.Um seine Entstehung gibt es eine Geschichte, die wahrscheinlich jeder dort kennt: Im 16. Jahrhundert soll ein Winzer Traubenmost versehentlich in ein Fass gefüllt haben, in dem noch etwas Branntwein war. Der Most gärte dadurch nicht richtig, das Fass wurde vergessen – und erst Jahre später wieder geöffnet.

Ob es wirklich so passiert ist, lässt sich natürlich nicht sagen.Heute wird Pineau hergestellt, indem frischer Traubenmost mit Cognac-Eau-de-vie versetzt und anschliessend im Fass ausgebaut wird. Seit 1945 besitzt er eine geschützte Herkunftsbezeichnung.Getrunken wird er meist gut gekühlt als Aperitif, häufig auch zu Melone.Meine erste Flasche habe ich übrigens viel zu warm serviert, weil ich Pineau eher für einen Dessertwein gehalten hatte. Kalt schmeckte er deutlich besser.

Cognac

Ein Stück die Charente hinauf liegt Cognac, die Stadt, nach der der berühmte Weinbrand benannt ist.Die Grundlage bildet Weisswein, der zweimal destilliert wird. Danach kommt das Eau-de-vie in Eichenfässer und reift dort teilweise viele Jahre.

Dabei verdunstet ständig ein kleiner Teil des Alkohols. Dafür gibt es den schönen Ausdruck la part des anges, den Anteil der Engel. Wer einmal ältere Cognac-Keller gesehen hat, erkennt häufig auch die schwarzen Mauern. Verantwortlich dafür ist ein Pilz, der dort wächst, wo sich über lange Zeit Alkoholdämpfe in der Luft befinden.

Auch die Namen der verschiedenen Anbaugebiete können zunächst etwas verwirrend sein: Grande Champagne, Petite Champagne oder Borderies. Mit dem bekannten Schaumwein hat „Champagne“ hier nichts zu tun. Der Begriff hängt vielmehr mit den kalkreichen Böden zusammen.

Ein Glas Cognac
Im Eichenfass beginnt die eigentliche Arbeit. Warten.

Das Erbe der Domaines

Was mich an vielen Domaines in der Gegend besonders interessiert hat, waren am Ende weniger die technischen Details als die Familien dahinter.Betriebe werden weitergegeben. Grundstücke wechseln innerhalb der Familie den Besitzer. Keller, Reben und manchmal auch einzelne Fässer bleiben über Generationen erhalten.Und natürlich gehört zu solchen Geschichten nicht immer nur Romantik. Wo Besitz, Erbe und Familie zusammenkommen, entstehen auch Erwartungen, Konflikte und Dinge, über die man vielleicht lieber nicht spricht.

Was über Generationen bleibt, ist nicht immer nur der Wein.