Mal ehrlich: Wie viele Autorenseiten hast du schon gelesen, die mit „Schon als Kind habe ich Bücher geliebt“ angefangen haben?
Eben. Deshalb fange ich anders an.
In meinen Geschichten gibt es fast immer Frankreich, Geheimnisse und mindestens eine Person, der man besser nicht traut. Und der Leiche schon gar nicht.
Eigentlich begann alles in einem Buchladen.
Meine Mutter und ich waren oft dort, und jedes Mal durfte ich mir ein Buch aussuchen. Für mich war das nie eine Kleinigkeit, sondern eine ernste Entscheidung. Ich liebte die Stille, den Geruch nach Papier und am meisten das Regal mit den französischen Romanen, in denen ich als Kind die Hälfte nicht verstand. Genau das war der Reiz: dass die Bücher mir etwas verschwiegen.
Irgendwann kannte man uns dort. Wir wurden zu Stammgästen. Und einer der Mitarbeiter wurde, sagen wir, zu einer frühen Inspiration. Ich war heimlich verliebt und zeigte ihm eines Tages als Erstem außerhalb meiner Familie eine meiner kurzen Geschichten – eine, in der jemand etwas verbarg, das er nicht hätte verbergen sollen. Mit klopfendem Herzen und ziemlich rotem Kopf.
Er sagte, er fand sie gut.
Ob aus echter Begeisterung oder aus Höflichkeit, weiß ich bis heute nicht. Ich habe mich für die schönere Version entschieden. Aus dieser Verliebtheit wurde nichts. Aber etwas anderes ist geblieben – die Lust, Geschichten zu schreiben, in denen jemand etwas weiß, was die anderen noch nicht wissen.
Sarah Weidmann
Mich interessieren Orte, die etwas verbergen, und Menschen, die noch besser darin sind.
Am Lesen liebe ich diesen Moment, in dem man merkt: Die Figur auf Seite 12 hat nicht ganz die Wahrheit gesagt. Man weiß noch nicht, warum. Aber man liest weiter.
Man kann beim Lesen Detektivin sein, Beobachterin, Verdächtige oder die Einzige im Raum, die längst ahnt, dass etwas nicht stimmt. Man kann in Frankreich frühstücken, in einem Grandhotel einchecken und trotzdem pünktlich zum Abendessen zurück sein.
Am Schreiben liebe ich genau das noch mehr: Ich darf diese Welten erfinden. Ich entscheide, wer lügt, wer schweigt und welche Wahrheit am Ende doch ans Licht kommt.
Frankreich und ich. Das ist eine alte Geschichte.
Ich habe französische Wurzeln. Wir fuhren jeden Sommer an die Mittelmeerküste, in einen kleinen Hafenort südlich von Narbonne. Dort verbrachte ich ganze Tage am Hafen, zwischen Booten, Salzgärten und einer alten Festung mitten im Dorf. Frankreich war für mich nie nur ein Urlaubsziel. Eher ein zweites Leben, das jedes Jahr im Juli anfing und im August wieder pausierte. Mit der Sprache hatte ich es nicht immer leicht. Mit dem Land schon.
Vielleicht schreibe ich deshalb so gern darüber. Über Weingüter an der Atlantikküste, in denen seit vier Generationen dieselben Familien arbeiten. Über kleine Hafenstädte und Dorfplätze, an denen nachmittags scheinbar nichts passiert. Und wenn doch, dann hinter geschlossenen Fensterläden. Mich interessieren Orte, die etwas verbergen, und Menschen, die noch besser darin sind.
Wenn ich schreibe, beginnt alles mit einem Bild. Meistens ein Innenraum, jemand, der hineinkommt oder ihn gerade verlassen möchte. Ich weiß am Anfang noch nicht, was er dort tut. Bevor ich in eine Szene gehe, gebe ich jeder Figur einen Duft. Für mich riecht Helena nach Kaffee und Zitronenkuchen. Bei Cameron sind es Leinöl und Salzwasser. Étienne ist Sonnencreme und teures Aftershave. Warum mir das hilft, weiß ich selbst nicht ganz. Aber sobald eine Figur einen Duft hat, kann ich sie schreiben.
Erst dann setze ich mich hin. Meistens finde ich abends Zeit dafür. Und die Anfänge überarbeite ich vermutlich öfter, als ich müsste.
Vielleicht ist genau das der Kern meiner Bücher: Ich schreibe über einen Ort, den ich nicht immer mit dem Kopf, aber sehr deutlich mit dem Bauch verstehe.
Wenn dich Geschichten aus Frankreich, kleine Szenen vom Schreibtisch und Schauplätze, die ich für meine Romane besuche, interessieren, findest du gleich hier unten meinen Newsletter. Trag dich gern ein – ich freue mich.
À bientôt,
Sarah